Der Beitrag der Psychologie zur Erforschung von Ätiologie, Genese und Verlauf von Herzkrankheiten
1) Forschungsbeiträge zur bio-psycho-sozialen Genese der KHK
Die psychologische Forschung trägt einen nicht unwesentlichen Teil zum Verständnis der Entstehung der koronaren Herzkrankheit, des Umgangs der PatientInnen mit der Erkrankung, aber auch die Konsequenzen für die Patienten bei (siehe auch 3). Sind doch ein Großteil der identifizierten neun Risikofaktoren der koronaren Herzkrankheit verhaltensbedingt: Rauchen, Lipide, Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas, Ernährung, körperliche Aktivität, Alkoholkonsum und psychosoziale Faktoren wie Stress und Depression (Yusuf, S. et al. 2004). Frühe Arbeiten identifizierten Persönlichkeitszüge (Typ-A Persönlichkeit) als Risikofaktor für koronare Herzkrankheit (Rosenman RH et al. 1968, Friedman M et al. 1971). Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass nur ein Teilkonzept der Typ-A Persönlichkeit, nämlich soziale Gehemmtheit (Social Inhibition) und Negativität (Negativity) sich als kardiotoxische Bestandteile herauskristallisiert haben (Typ D-Persönlichkeit, Kupper et al. 2007). Auch die Stressforschung hat Erkenntnisse für das Auftreten von Akutereignissen wie Myokardinfarkt bei bestehenden atherosklerotischen Erkrankungen gezeigt, sowohl im Rahmen von positiv konnotierten Ereignissen wie z.B. der Europameisterschaft 1996 (Witte et al. 2000) aber auch dramatischen Ereignissen wie z.B. Kriegszustände im Nahen Osten (Hart et al. 1993). Die jedoch am häufigsten durchgeführten Studien beziehen sich auf den Risikofaktor Depression und depressive Symptomatik. So gilt als gesichert, dass Depression, aber auch depressive Symptome ein erhöhtes Risiko für Inzidenz von KHK und Mortalität darstellen und werden je nach Autor mit einem relativen Risiko zwischen 1.5 und 2.5 angegeben (Lett et al. 2004). Aber nicht nur negative Emotionen werden wissenschaftlich auf ihren Einfluss in der Entstehung im Verlauf der koronaren Herzkrankheit untersucht, auch positive Emotionen scheinen eine Rolle im Sinne eines möglichen protektiven Faktors zu spielen (Keyes, 2004). Die gesundheitspsychologische Forschung wiederum beschäftigt sich z.B. insbesondere mit den Möglichkeiten der Verhaltensänderung (z.B. Rauchentwöhnung, Bewegung, Ernährung) aber auch der Adhärenz mit medizinischen bzw. psychologischen Empfehlungen. Hier sind insbesondere Arbeiten von Prof. Schwarzer und seiner Arbeitsgruppe federführend im deutschsprachigen Raum, welche sich unter anderem mit motivationalen Faktoren (wie z.B. Selbstwirksamkeitsüberzeugung) zur Überbrückung der Intentions-Verhaltenslücke beschäftigen. Arbeiten zu geschlechtsspezifischen Aspekten im Umgang mit der Erkrankung wurden bereits erwähnt (siehe 4.2).
2) Beispiel Lebensqualitätsforschung
Wenn es um die Ergebnisqualitätsbeurteilung in der Medizin im Allgemeinen, und in der Kardiologie im Speziellen geht, hat sich ein psychologischer Forschungszweig insbesondere in den letzten Jahren als wesentlich herauskristallisiert: die Lebensqualitätsforschung.
Lebensqualität ist ein im klinischen Betrieb zunehmend genutztes Kriterium, das in Wechselwirkung steht mit dem Verlauf und der Prognose besonders von chronischen Erkrankungen. Das Institute of Medicine (USA) unterstreicht die Wichtigkeit der Lebensqualitätsmessung (Top 10-Priorität in den nächsten Jahren), um tatsächlich zu einer patientenorientierten Behandlung kommen zu können und damit eine nachhaltige Verbesserung des Gesundheitssystems zu erreichen (Krumholz et al. 2005). In Österreich wird im Gesundheitsqualitätsgesetz (BGBL I NR 179/2004) gefordert, das Gesundheitswesen aus der subjektiven Sicht des Patienten/der Patientin zu evaluieren. In §2 Abs. 1 wird die Patientenorientierung im Gesundheitswesen explizit über die Verbesserung der Lebensqualität eingefordert, welche in §2 Abs. 10 auch tatsächlich einen Punkt der Ergebnisqualität darstellt. Derzeit wird dies in Österreich nicht routinemäßig im klinischen Alltag umgesetzt. Vereinzelt wird dies im Rahmen von Studien erhoben. Im Bereich der Kardiologie nimmt die ambulante kardiologische Rehabilitation eine Vorreiterrolle ein. Hier gehört es zum Standard (Benzer et al. 2008) routinemäßig die Lebensqualität zu erfassen.
Nicht nur die Veränderung der Symptomatik, die Ereignisrate oder die absolute Zahl an gewonnenen Lebensjahren sind von Relevanz für die Beurteilung der Wirksamkeit einer therapeutischen Intervention. Auch die Art und Weise, wie die betroffenen PatientInnen ihren Gesundheitszustand subjektiv erleben, ist von wesentlicher Bedeutung. Es ist bekannt, dass subjektive Einschätzungen des allgemeinen Gesundheitszustandes ein besserer Prädiktor für Mortalität sind als viele bio-medizinische Parameter (Idler & Benyamini, 1997). Auch für PatientInnen mit KHK sind Lebensqualitätsdaten in der Lage, zuverlässig kardiale Ereignisse vorherzusagen (Dixon et al., 2001; Heller et al., 1997). Das Erfassen dieser „Qualität des Lebens“ versucht die Lebensqualitätsforschung systematisch zu ermöglichen und damit dem Patienten/der Patientin eine Stimme im Gesundheitswesen zu verleihen. Bei der Entwicklung von Instrumenten zur Erfassung der Lebensqualität sind insbesondere psychometrische Kenntnisse unerlässlich, welche weltweit zum Großteil von PsychologInnen beigesteuert werden. Zur Erfassung der Lebensqualität bei unterschiedlichen Formen der koronaren Herzkrankheit steht im deutschsprachigen Raum insbesondere ein valides, reliables und veränderungssensitives Instrument zur Verfügung: der MacNew Heart Disease Quality of Life Questionnaire (Höfer 2008, Höfer 2008). |