Etwa die Hälfte der Herz-Kreislauferkrankungen sind durch Risikofaktoren verursacht, die der Prävention zugänglich sind (Stat. Mitteilungen zur Gesundheit in Wien, 2000/2).
Prävention bedeutet vorbeugende Gesundheitspflege und umfasst sowohl verhältnisorientierte Maßnahmen (Veränderungen der biologischen, sozialen und technischen Umwelt) sowie verhaltensorientierte Ansätze (Beeinflussung des Verhaltens von Individuen und Gruppen). Weiters wird zwischen primärpräventiven, sekundärpräventiven und tertiärpräventiven Aufgaben unterschieden (Petermann, 1997).
Ein Paradebeispiel für ein internationales Präventionsprogramm ist das North Karelia Projekt in Finnland. Maßnahmen zum Training von Gesundheitspersonal und Journalisten, Beeinflussung von betrieblichen Kantinenessen nach ernährungswissenschaftlichen Gesichtspunkten, Fernsehprogramme, Schulprojekte bis hin zu Zusammenarbeit mit der Nahrungsmittelindustrie erstreckten sich flächendeckend über die finnische Provinz Karelia. Zwischen 1972 und 1992 gelang eine Absenkung der Herz-Kreislaufmortalität um 55%, wobei 75% dieser Absenkung auf eine Änderung der Risikofaktoren zurückgeführt wird (Stat. Mitteilungen zur Gesundheit in Wien, 2000/2). Als Beispiel für eine österreichweite psychologische Präventionsmaßnahme sei hier das Rauchertelefon (Stummer und Meingasser, 2008) erwähnt.
In Österreich sollte dieses Arbeitsgebiet der PsychologInnen speziell in selbständiger Praxis als GesundheitspsychologInnen und als ArbeitspsychologInnen im Sinne des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes weiter ausgebaut werden. Die Zusammenarbeit der PsychologInnen (Kardiopsychologie) mit ÄrztInnen liegt hier auf der Hand.
Zur Veranschaulichung einer betrieblichen Primärprävention aus arbeits- und gesundheitspsychologischer Sicht soll folgendes Beispiel eine mögliche Vorgangsweise konkretisieren. Genaugenommen handelt es sich hier ursprünglich um ein Beispiel betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF) – also ohne Krankheitsthematisierung – in einem Großunternehmen. Im weiteren Verlauf wird es jedoch aufgrund eines Testergebnisses eines Angestellten, das diesen veranlasst, den Betriebsrat aufzusuchen, zur psychologischen Prävention in Bezug auf eine mögliche Herz-Kreislauf-Erkrankung.
Herr Z (Name geändert), 54-jähriger Angestellter eines österreichischen Großunternehmens beteiligte sich an einem Fitnesstest, der von der Unternehmensleitung unter Einbindung des Betriebsrats und Arbeitsmediziners an den Versicherer, der in diesem Unternehmen Krankenzusatzversicherungen anbietet, vergeben wurde. Im EKG des Herrn Z zeigten sich Extrasystolen, weshalb er aus dem anschließend vorgesehenen Belastungstest ausgeschlossen wurde. Er beschwerte sich beim stellvertretenden Vorsitzenden des Betriebsrats. Dieser war gleichzeitig der Arbeits- und Gesundheitspsychologe und informierte Herrn Z über Herzfrequenzvariabilität. Darunter versteht man die Fähigkeit des Organismus, die Frequenz des Herzrhythmus verändern zu können. Eine niedrige HRV kann ein Indikator für psychomentale Stressbelastung sein. Herrn Z wurde ein Dauer-EKG über 24 Stunden angeboten. Dieses Angebot nahm Herr Z interessiert an.
Nach der Auswertung erläuterte der Psychologe Herrn Z anhand der Spektralanalyse seiner Herzfrequenzvariabilität u.a. wie es um die Pausenqualität zur Regeneration und die Schlafarchitektur stand. In dem folgenden Gespräch schilderte Herr Z seine Arbeitssituation und in weiterer Folge seinen Lebensstil. Der Psychologe bot ihm weiter Sitzungen an, in welchen ein „Psycho-Aufbau-Training“ durchgeführt wurde. Dieses umfasst das für Herrn Z maßgeschneiderte Stressmanagement, Systemmanagement und Bewertungsmanagement. Im Teil Stressmanagement wurde ein hypnotisches Entspannungstraining (Klinische Hypnotherapie nach Milton Erickson) u.a. mit Fokus auf das Atmen eingesetzt. Die Herzfrequenz kann gut mit der Atemfrequenz gesteuert werden, weshalb sich die Atemübung in Kombination mit verschiedenen Entspannungs- und Energieübungen (Gallo, 2008) gut ergänzt.
Herr Z änderte seinen Lebensstil in Richtung „Herzgesundheit“. Ein Jahr später berichtete Herr Z dem Psychologen, dass sein Kollege einen Herzinfarkt erlitten habe und er froh sei, seinen Lebensstil geändert zu haben, weil auch er gefährdet war. |